• „Zwischen Bestätigung und Korrektur – Was der Koran über die Bibel sagt“

    In der dritten Folge unseres Podcasts Bibel und Koran im Dialog haben wir ein Thema aufgegriffen, das mich schon lange beschäftigt: Wie sieht der Koran eigentlich die Bibel? Und was bedeutet es, wenn er sagt, dass er die früheren Schriften bestätigt?

    Im Gespräch mit Prof. Karl-Josef Kuschel nähern wir uns dieser komplexen Frage an. Die Folge ist keine abstrakte theologische Übung, sondern ein Versuch, in ein Gespräch einzusteigen, das für Juden, Christen und Muslime gleichermaßen wichtig ist. Denn der Koran spricht nicht nur über die Thora und das Evangelium – er setzt sich mit ihnen auseinander. Er bestätigt, kritisiert, fordert heraus. Und gerade das ist spannend.

    Ich beginne die Folge mit Versen aus Sure 5, genauer gesagt mit den Versen 44 bis 48. Diese Stellen sind zentral für das Selbstverständnis des Korans – und sie sagen sehr viel darüber aus, wie er sich selbst im Verhältnis zu den „vorhergehenden“ Offenbarungen versteht. Besonders eindrucksvoll ist dabei Vers 48, in dem es heißt: „Wir haben das Buch mit der Wahrheit zu dir herabgesandt, das bestätigt, was von der Schrift vor ihm da war, und darüber Gewissheit gibt.“ Und weiter: „Für jeden von euch haben wir Richtlinien und eine Laufbahn bestimmt.“
    Für mich steckt in diesem Vers ein Schlüsselgedanke: Es gibt nicht nur einen Weg. Gott hat offenbar entschieden, in der Geschichte unterschiedliche Wege zu eröffnen – für Juden, Christen, Muslime. Nicht, um uns zu spalten, sondern um uns zur Verantwortung zu rufen. „Darum sollt ihr um die guten Dinge wetteifern“, heißt es am Ende dieses Verses. Diese Formulierung hat mich schon lange beschäftigt, weil sie die Idee des Wettstreits um das Gute ins Zentrum rückt – nicht das Bekenntnis, sondern das Handeln.

    Im Gespräch mit Herrn Kuschel wurde noch einmal deutlich, wie vielschichtig dieses Verhältnis zwischen den Schriften ist. Er betont, dass der Koran einerseits die Thora und das Evangelium ernst nimmt – als echte Offenbarungen Gottes. Gleichzeitig erhebt er aber auch einen Anspruch, Missverständnisse oder Verfälschungen zu korrigieren. Für Muslime ist der Koran die letzte, umfassend gültige Offenbarung. Und das ist theologisch gesehen kein Nebenbei, sondern konstitutiv für das Selbstverständnis des Islam.

    Besonders spannend fand ich, dass wir in der Folge auch darüber sprechen konnten, was überhaupt gemeint ist, wenn von „der Bibel“ die Rede ist. Christen und Juden haben unterschiedliche Kanones, unterschiedliche Bücher, unterschiedliche Gewichtungen. Und auch der Begriff „Evangelium“, den der Koran verwendet, ist nicht einfach identisch mit dem Neuen Testament, wie es heute in den Kirchen gelesen wird. Solche Differenzierungen sind wichtig, wenn wir einen echten Dialog führen wollen – jenseits pauschaler Urteile.

    Ein sehr persönlicher Moment war für mich die Stelle, an der wir über die Idee sprachen, dass Gott mit dem Koran einen neuen Weg eröffnet hat – nicht, weil alles vorher falsch war, sondern weil Menschen mit den früheren Offenbarungen nicht gut umgegangen sind. Es geht um Verantwortung, um Treue zur Botschaft, um die Gefahr religiöser Selbstüberschätzung. In dieser Perspektive ist der Koran auch für Christen und Juden eine Herausforderung – nicht im Sinne eines Angriffs, sondern im Sinne eines Anstoßes, das eigene Verständnis von Offenbarung noch einmal neu zu durchdenken.

    Ein roter Faden zieht sich durch unser Gespräch: Dialog bedeutet nicht Gleichmacherei. Vielmehr geht es um das, was Prof. Kuschel eine „Hermeneutik der Alterität“ nennt – eine Haltung, die die Andersheit des anderen nicht als Bedrohung, sondern als Herausforderung und Bereicherung begreift.
    „Nicht meine Religion ist besser als deine – sondern anders. Und genau deshalb bist du eine Herausforderung an mein Selbstverständnis.“
    So kann aus religiösem Nebeneinander ein echtes Miteinander werden – auch (und gerade) dann, wenn wir über Differenzen sprechen.

    Das bedeutet: Der andere Glaube ist nicht besser, nicht schlechter – sondern anders. Und gerade in dieser Andersheit liegt die Möglichkeit des Lernens. Für mich ist das ein zentraler Gedanke: Es geht im Dialog nicht darum, die Unterschiede zu nivellieren, sondern sie zu respektieren – und im besten Fall fruchtbar zu machen.
    Am Ende der Folge kommen wir auf einen Gedanken von Thomas Mann zu sprechen. Er hat einmal die Bibel ein „Buchgebirge“ genannt – vielschichtig, über Jahrhunderte gewachsen, voller Höhen und Tiefen. Im Kontrast dazu steht der Koran als Einheit, als direktes Gotteswort in einer kurzen Zeitspanne offenbart. Auch hier zeigt sich: Die beiden Bücher sind nicht gleich – aber sie stehen miteinander in Beziehung. Und aus dieser Beziehung kann etwas Neues wachsen.
    Ich hoffe sehr, dass diese Folge viele zum Weiterdenken anregt. Und vielleicht auch dazu, das eigene Verständnis von Bibel und Koran noch einmal neu zu befragen.

    Hasan Dadelen

    Moderator von Bibel und Koran im Dialog

    Stuttgarter Lehrhaus für interreligiösen Dialog

     

    https://bibel-und-koran.podigee.io/3-episode-3-wie-der-koran-die-bibel-versteht-bestatigung-oder-neue-sicht

     

  • Abraham – Eine Brücke zwischen den Religionen

    Gedanken zur zweiten Podcastfolge von „Bibel und Koran im Dialog“

    In der zweiten Folge unseres Podcasts „Bibel und Koran im Dialog – Der Podcast des Stuttgarter Lehrhauses mit Karl-Josef Kuschel“ haben wir uns einer besonderen Gestalt gewidmet: Abraham, der in Judentum, Christentum und Islam als gemeinsame Vaterfigur verehrt wird. Im Koran wird er als Ibrahim bezeichnet, als hanif, als aufrichtiger Gottsucher, der sich ganz Gott hingibt.

    Im Zentrum unseres Gesprächs stand eine eindrückliche Szene: die nächtliche Nilfahrt des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt mit dem ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat. In jener Silvesternacht 1977, unter dem Sternenhimmel, sprach Sadat von Abraham als einer gemeinsamen Wurzel der drei Religionen – ein Moment, der Schmidt tief bewegte und ihn zu der Erkenntnis führte: „Wir sind alle Kinder Abrahams.“

    Für Prof. Karl-Josef Kuschel wurde diese Szene zur Schlüsselerfahrung. Sie war Ausgangspunkt für sein langjähriges theologisches Nachdenken über das Verhältnis von Bibel und Koran, das schließlich in seinem Buch „Die Bibel im Koran“ seinen Ausdruck fand. Kuschel betont, dass es nicht nur um theologische Parallelen geht, sondern um die tiefgreifende Frage: Wie kann Abraham zum Symbol der Verständigung werden – jenseits von religiöser Überheblichkeit und Ausgrenzung?

    Wir sprachen darüber, wie Abraham in Bibel und Koran unterschiedlich dargestellt wird – und doch beide Überlieferungen denselben Geist atmen: Vertrauen, Aufbruch, Gottergebenheit. Ebenso wurde deutlich, wie Abraham im Laufe der Geschichte politisch, kulturell und literarisch interpretiert wurde. Die berühmte Ringparabel von Gotthold Ephraim Lessing wurde in diesem Zusammenhang als literarische Verdichtung einer interreligiösen Vision betrachtet – ein Aufruf zur gegenseitigen Anerkennung und zum ethischen Handeln.

    Nicht zuletzt ging es in der Folge auch um aktuelle Initiativen wie die Abraham Accords und den neu errichteten Abrahamic Family House in Abu Dhabi. Beide zeigen: Abraham ist nicht nur eine Figur der Vergangenheit – er inspiriert auch gegenwärtige Versuche, Dialog und Koexistenz zwischen Religionen konkret zu leben.

    Was nehmen wir mit?
    Abraham steht für das radikale Vertrauen in Gott. Er ist kein Besitz einzelner Religionen – sondern Herausforderung und Einladung zugleich: zur Demut, zur gemeinsamen Verantwortung, zur Hoffnung auf Frieden.

    In diesem Sinne: Möge der Geist Abrahams auch unsere Gespräche weiterhin begleiten.

     Salam – Shalom – Frieden

     

    https://bibel-und-koran.podigee.io/2-neue-episode

     

  • Die Kölner Juden

    Einleitung zum Artikel „Die Kölner Juden“ 


    Von Lisbeth Blickle, Stiftungsvorsitzende der Stiftung Stuttgarter Lehrhaus

    Wir möchten Ihnen einen Artikel von Johanan Flusser aus Israel vorstellen, der dort in der Zeitschrift Haarez veröffentlicht wurde.

    Sein Artikel Die Kölner Juden ist eine eindrucksvolle historische Aufarbeitung der jüdischen Geschichte dieser Stadt – von der Antike bis zur Shoah. Er beleuchtet die tief verwurzelte Präsenz der jüdischen Gemeinde in Köln seit römischer Zeit, beschreibt Phasen der Blüte ebenso wie Perioden der Verfolgung und gibt den Opfern eine Stimme. Besonders bewegend ist die Widmung dieses Beitrags an den jungen IDF-Soldaten Juval Schoham, der kürzlich in Gaza gefallen ist und dessen Vater, Ephraim Schoham-Steiner, zur Geschichte der Kölner Juden forscht.

    Als renommierter Toralehrer aus Jerusalem und Sohn des bedeutenden Gelehrten David Flusser bringt Johanan Flusser eine Perspektive mit, die sowohl das jüdisch-christliche als auch das jüdisch-muslimische Verhältnis in den Mittelpunkt seines Wirkens rückt. Seine tiefgreifenden Kenntnisse, seine Erfahrung im interreligiösen Dialog und seine didaktischen Fähigkeiten machen ihn zu einer interessanten Stimme in diesen Debatten. Im vergangenen Jahr leitete er eine Toralernwoche für Muslime im Stuttgarter Lehrhaus, ein großartiges Beispiel für sein Engagement im interreligiösen Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen.

    Die Kölner Juden 

    Die Kölner Juden 

    Von Pogromen im Zuge der Pest über Jahre des Wohlstandes bis hin zur gesetzlich angeordneten Vernichtung durch die Deutschen unter der Herrschaft der Nationalsozialisten

    Jochanan Flusser

    Meine Worte sind dem Gedenken an Juval Schoham gewidmet, möge sein Angedenken ein Segen sein. Juval Schoham war ein junger Soldat, ein Mann des Buches, des Geistes und der Wahrheit, der vor Kurzem in Gaza gefallen ist. Er ist ein Sohn von Ephraim Schoham-Steiner, der zu der Geschichte der Kölner Juden forscht. 

    Die Stadt Köln, oder ihrem historischen Namen nach Colonia, wurde im 1. Jahrhundert n. Chr. gegründet. Die Anwesenheit von Christen in der Stadt im 2. Jahrhundert verweist darauf, dass auch Juden in dieser frühen Zeit zu den Einwohnern der Stadt zählten. Die frühesten Zeugnisse der jüdischen Gemeinde in Köln, das auch als römische Kolonie bekannt war, stammen aus der Zeit des Mittelalters, der Blütezeit der Stadt. Die jüdische Gemeinde Kölns litt im Laufe ihre Geschichte unter Verfolgung, wiederholter Verbannung, Pogromen und Zerstörung über Jahrhunderte hinweg bis zu ihrer Vernichtung durch die Nationalsozialisten. Am Vorabend der nationalsozialistischen Herrschaft zählte die Gemeinde ca. 19,500 Mitglieder. Inzwischen wurde sie neu gegründet und umfasst heute ca. 4,500 Mitglieder. 

    קולוניא (zu Deutsch Colonia) wird in dieser Schreibweise in den drei Bänden des Buchs der Tränen erwähnt, das Simon Bernfeld auf Hebräisch verfasste und das 1925 (jüdischer Kalender: 5684) im Verlag Echkol Berlin erschien. Der Autor liefert dem Leser einen erschütternden Bericht über die tragischen und grausamen Ereignisse, die Juden weltweit von der Zeit des Herrschers Antiochus IV. Epiphanes bis zum Massaker von Uman durch Iwan Gonta und Maksym Salisnjak im Jahr 1768 erlitten. Es ist mir wichtig, diesen drei Bänden einen angemessenen Platz in der Kultur und Literatur Israels zu widmen. 

    Bernfeld beschreibt in der Einleitung den Inhalt des Buches mit den folgenden Sätzen: 

    Die ursprünglichen Geschichten selbst, verborgen in unserer historischen und poetischen Literatur, sind das Zeugnis der Helden dieser Taten und Ereignisse in ihren Schriften und ihrer Sprache. Ihr Stöhnen und der Klang ihrer Schreie, ihr Weinen und ihr Jammern – es sind dieselben Tränen, die der Stöhnenden und derer, die in Bedrängnis klagen. Kein Dichter kann die Wucht des Schmerzes so ausdrücken, wie sie durch die Wahrheit in unseren ursprünglichen Schriften zum Ausdruck gebracht wurde.“

    Das Buch beschreibt unter anderem die Katastrophen, Pogrome und Morde, die das jüdische Volk erlebte. Beschreibungen der Kreuzzüge, der Ritualmordlegenden, der Vertreibung der Juden aus England, der Pest, der Ausrottung in Prag, in Spanien und Portugal, in Deutschland und Italien, der Verbrennung der Anusim[1] in der Stadt Ancona, der Vorfälle in den Städten Osteuropas bis hin zu den antijüdischen Dekreten und Vernichtungen in Böhmen und Mähren. Dem Leser wird es schwerfallen, die Beschreibungen der Gräueltaten und Morde von den Ereignissen von Simchat Tora 2023 (jüdischer Kalender: 5784) zu trennen.

    In dem Kapitel über die Pest geht Bernfeld auf die Juden Offenheims und Frankfurts ein: Es waren Gemeinden, in denen „man selbst die eigenen Häuser in Brand setzte, um nicht in die Arme der Feinde zu fallen“; er fährt fort, das zu beschreiben, was der Kölner Gemeinde widerfuhr: 

    Einige Juden aus den nahegelegenen Städten und Dörfern flüchteten dorthin. Die Ratsmitglieder taten ihr Bestes, um sie vor dem Mob zu schützen. Die Gemeinde kämpfte und behauptete in einem mehrere Tage dauernden Kampf ihre Stellung. Schließlich setzte sich der Mob durch und den Ratsmitgliedern gelang es nicht, die Juden zu retten. An diesem Tag fielen alle Mitglieder der Gemeinde.“

    Dies waren die Tage der Schwarzen Pest.

    Die Kölner Juden erlebten jedoch auch Zeiten des Wohlstandes, der Blüte und der Einbindung in das Leben der Stadt, sowohl als jüdische Gemeinde als auch als gewöhnliche Einwohner. Das Judentum wurde bereits im zweiten Jahrhundert als religio licita, erlaubte Religion, anerkannt und Juden waren vom Kaiserkult und dem Kult der römischen Götter ausgenommen. Im Jahr 321 erlaubte ein kaiserlicher Erlass die Berufung von Juden in die Kurie der Stadt. Ein bedeutendes Zeugnis für die Blüte und den Wohlstand der Gemeinde wurde bei archäologischen Ausgrabungen im Zentrum Kölns zu Beginn des gegenwärtigen Jahrzehnts gefunden, als Überreste von 400 in hebräischer Sprache verfassten Texten aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts freigelegt wurden. Hiermit liegt uns außerdem ein weiterer Beweis für die Begegnung mit und die Verwendung der hebräischen Sprache vor, auf die die Juden Deutschlands schon seit den Tagen des Mittelalters und bis hin zum oben erwähnten Buch der Tränen zurückgreifen.

    Ephraim Schoham-Steiner, der die jüdischen Gemeinden Europas im Mittelalter erforscht und dessen Sohn Juval Schoham, möge sein Angedenken ein Segen sein, vor Kurzem in Gaza gefallen ist und dem dieser Artikel gewidmet ist, erklärte, dass die Fülle an Informationen aus den Ausgrabungen in Köln ein vergleichbares Ausmaß hat wie die des Geniza-Fundes von Kairo. Shoham führt damals in einem Interview mit Haaretz aus: 

    „Bei den archäologischen Grabungen in Köln wurden mehrere Hundert Texte und Textfragmente in hebräischer Sprache und in hebräischen Schriftzeichen zutage gefördert, die an ihrem Entstehungsort, im jüdischen Viertel der Stadt, unversehrt geblieben sind.“

    Neben einer Mikwe, die bei archäologischen Ausgrabungen in der Stadt entdeckt wurde, gab es auch ein Hamam, das sowohl von Juden als auch von Nichtjuden genutzt wurde – ein weiterer Hinweis darauf, dass die Juden Kölns Anteil am Gemeinschaftsleben der Stadt hatten.

    Es ist schwierig, diese frühen Funde, die uns etwas über das jüdische Leben in der Stadt erzählen, mit der Geschichte meiner Tante Gerda Link, in Hamburg geboren, in Einklang zu bringen. Sie ging nach Köln, um am Seminar für jüdische Lehrer zu studieren; später unterrichtete sie an der dortigen jüdischen Schule. Von Köln aus zog sie, aus Gründen, die sich nicht mehr rekonstruieren lassen, nach Bratislava und starb im September 1944 mit ihrer gesamten Familie, ihrem Mann Shaya und ihren Kindern Zvi und Rachel, ein und vier Jahre alt, in Auschwitz. Wegen Gerda, meiner Tante, und wegen meines Unterfangens, mehr über ihr Schicksal herauszufinden, kam ich nach Köln und besuchte dort das Museum mit dem Namen „NS Dokumentationszentrum der Stadt Köln“. Es ist ein außergewöhnliches Museum, denn es archiviert die Zeugnisse der Nationalsozialisten über das Leben der Stadt Köln während seiner düsteren Kapitel. Die Erfahrungen, die ein Besucher dort macht, ist nicht zu vergleichen mit denen eines Museums über die Shoa; es zeigt vielmehr den relativ gelungenen Versuch der Nationalsozialisten, das städtische Leben in dieser Zeit als ein reguläres, reiches Leben darzustellen, das von Behörden geregelt wird, die sich um die Einwohner der Stadt in allen Lebensbereichen kümmern. Das Museum wurde Ende des Jahres 1979 gegründet, in Folge von Protesten der Linken, die anklagte, dass die Stadtverwaltung Gebäude für ihre Zwecke nutzte, in denen zuvor die Gestapo gearbeitet hatte und dort in Grausamkeit die Menschen verfolgte, in denen die Machthaber keine glaubwürdigen Arier sahen. Die Zentrale der Gestapo befand sich von Dezember 1935 bis März 1945 in dem Gebäude. In den letzten Kriegsmonaten wurden im Innenhof des Gebäudes hunderte Menschen hingerichtet; die meisten von ihnen waren Zwangsarbeiter aus anderen Ländern. Der Ort ist dem Gedenken aller Opfer des Nazi-Regimes gewidmet und dient zugleich als Lernort für die jüngere deutsche Generation, um die Geschichte der Stadt kennenzulernen. Das Archiv umfasst 1800 Schriften und Zeichnungen der Gefangenen. 

    Für einen Besucher wie mich, der der zweiten Generation der Shoah-Überlebenden angehört, war es eine sonderbare Erfahrung, einen Ort zu besuchen, der den Fortgang des normalen und geregelten Lebens in der Stadt während des Zweiten Weltkriegs beschreibt, der doch den Tod von etwa fünfzig Millionen Menschen und die Vernichtung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden zur Folge hatte, darunter auch die Juden der Stadt Köln. Das Museum beschreibt die Routine der Stadtbewohner zu einer Zeit, die aus heutiger Sicht jenseits aller Vorstellung ist.

    Der Besucher des Ortes läuft entlang einer weißen, vom Boden sich abhebenden Linie, die im Untergeschoss bereits mit dem Jahr 1920 beginnt und bis zum obersten Stockwerk führt; dort endet sie mit dem Jahr 1945. Der Ort spiegelt das Leben, das alltägliche Leben, in dieser Stadt wider, so wie es die Nationalsozialisten inszenierten. Für einen Israeli oder einen Juden, der es gewohnt ist, Museen zu besuchen wie Yad VaShem, die dem Grauen, dem Morden und dem Verbrechen an unserem Volk gedenken, ist das eine erschütternde und einprägsame Erfahrung: ein Museum, das das städtische Leben in allen seinen Aspekten darstellt zu einer Zeit, in der, parallel zu diesem Alltagsleben, das Massaker an sechs Millionen Menschen unseres Volkes stattfand. 

    Im Untergeschoss kann man die Unterlagen der Gefangenen sehen, die von der Gestapo gefoltert wurden; es sind Überreste des dunklen Schattens, Überreste dessen, was sich in dieser Etage abgespielt hat. Die anderen Stockwerke stehen hingegen unter dem Eindruck des geschäftigen Stadtlebens in all seinen Aspekten: der Gesundheit, der Bildung und der Kultur; ein Stadtleben, das ganz normal anmutet. Sogar ein Kinderzimmer aus dieser Zeit ist dort ausgestellt, neben den Bildern einer Schulklasse und Fotographien von Aktivitäten der Jugendbewegung. Auch ein Film über den Besuch des Führers in der Stadt kann betrachtet werden: Es sind allerdings nicht Angst und das Gefühl der Bedrohung, die dieser Film vermittelt, sondern er bezeugt die Verehrung und den leidenschaftlichen Empfang, mit dem die Einwohner Hitler begrüßten. Ein volles, kulturelle Leben setzt sich fort und das, was man Zeitgeist nennt, lebte auch in den Jahren der Dunkelheit und des Todes, die sich auf Europa senkten. 

    Zwei Bilder des Museums begleiten mich auch heute noch; weder Todesgruben noch Gaskammern, sondern Fotografien aus dem Stadtleben, die man vielleicht banal nennen könnte. Das erste Bild zeigt eine Grundschulklasse, die Kinder, ungefähr acht oder neun Jahre alt, sind ihrem Lehrer zugewandt, der mit einem Zeigestock auf das Gesicht eines Rom deutet. Sein unterrichtliches Ziel ist, wie es scheint, den Schülern zu erklären, was ein Rom wäre und was sein Antlitz ausmachen würde; vielleicht eine Unterrichtsstunde über „Andere Kulturen“ oder über eine Rasse, die abgesondert werden müsse. Die Stimme des Lehrers ist verklungen, heute können wir nur noch raten, wie seine Erklärung in dieser Stunde lautete. Die zweite Fotographie, die sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat, ist das Portrait einer hübschen Frau in ihren Vierzigern. Das Bild ist beidseitig von etwa vierzehn Dokumenten eingerahmt, darunter Arztberichte, Anwaltsschreiben, Briefe von Richtern sowie von Repräsentanten weiterer Institutionen; alle Dokumente raten an, dass diese Frau, da sie „seelisch krank“ sei, von ihren Qualen erlöst werden müsse, und das erziele man durch ihren Tod mit der „Euthanasieinjektion“. Alles ist bis ins letzte Detail dokumentiert, mit Stempeln und Unterschriften. 

    Da ich, als Neffe meiner Tante, eine Einwohnerin der Stadt, die mit ihrer Familie ermordet wurde, einen familiären Bezug zu der Stadt habe, erhielten meine Frau und ich bei diesem Rundgang eine herzliche, persönliche Begleitung durch den Museumsdirektor. Erst als ich aus dem Museum heraustrat, fiel bei mir der Groschen – nur dieser Groschen glich in Gewicht und Größe dem eines riesigen Mühlensteins, der auf meinen Kopf und mein Bewusstsein niederschlug: Was wollen wir überhaupt von den Nationalsozialisten? Das alles war damals legal! Tatsächlich begannen die Deutschen bereits im September 1935 mit den Nürnberger Gesetzen, ihre Herrschaft zu regulieren und die Regierungsordnung zu ändern, und deren Umsetzung blieb ein Jahrzehnt lang ununterbrochen bestehen. Das alles war legal. Und wie hängen Gesetz und Moral zusammen? So fragte ich mich. Wie es aussieht, hat damals dort kein Zusammenhang bestanden. 

    Diese blitzhafte Erkenntnis, die ich mit meinem Austritt aus dem Museumsgebäude hatte, begleitet mich auch heute noch. Mit diesem Artikel wollte ich ihn mit dem Leser teilen. Das Leben der Juden und der jüdischen Gemeinde wurde durch Gesetze eingeschränkt; damals war das alles legal – einschließlich der Gesetze, die die Schädigung von Minderheiten, die Schädigung der Schwachen, die Missachtung der Menschenrechte und sogar Mord „legalisierten“.

    Das ist Stoff zum Studium für einen allgemeinen Kaddisch-Tag im Jahr 5785.


    [1] Sog. Kryptojuden; unter Zwang zum Christentum konvertierte Juden [Anmerkung der Übersetzerin].

  • Herzlich willkommen auf unserem Blog – Dialog im Lehrhaus!

    Mit diesem Blog möchten wir einen Ort schaffen, an dem interreligiöser Dialog und persönliche Reflexionen ihren Platz finden. Hier berichten wir über unsere Projekte, Veranstaltungen und die Menschen, die sich gemeinsam mit uns für den Dialog zwischen den Religionen engagieren.

    Warum ein Blog? Das Stuttgarter Lehrhaus steht für gelebten interreligiösen Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen. Seit vielen Jahren bringen wir Menschen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen zusammen, um voneinander zu lernen, einander besser zu verstehen und gemeinsam neue Perspektiven zu entwickeln. Mit diesem Blog möchten wir diese Gespräche über unsere Veranstaltungen hinaus weiterführen und so auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen.

    Was erwartet euch hier? In regelmäßigen Abständen berichten wir über spannende Themen und aktuelle Ereignisse. Dazu gehören Rückblicke auf Vorträge, Workshops und Diskussionsabende ebenso wie theologische Betrachtungen, historische Hintergründe und gesellschaftliche Entwicklungen. Auch persönliche Erfahrungen von Teilnehmerinnen und Gastautorinnen werden hier ihren Platz finden.

    Ein besonderes Highlight ist unser Podcast Bibel und Koran im Dialog mit Prof. Karl-Josef Kuschel. In unserem Blog begleiten wir die Podcast-Folgen mit vertiefenden Texten und Hintergrundinformationen, die einen tieferen Einblick in die behandelten Themen ermöglichen.

    Wir verstehen diesen Blog jedoch nicht nur als Plattform für unsere Inhalte, sondern auch als Einladung zum Dialog. Eure Kommentare, Fragen und Anregungen sind herzlich willkommen – wir freuen uns darauf, mit euch ins Gespräch zu kommen!

    Bleibt gespannt auf unsere kommenden Beiträge – der nächste Artikel wird euch einen Einblick in die Arbeit unseres aktuellen Projekts geben.

    Herzliche Grüße,
    Euer Team des Stuttgarter Lehrhauses